Denkanstöße
Mac J. Rohrbach
Widerlinge auf der Abschussliste
Mistkerle sind die, bei denen man sich nach einem Gespräch bedrückt, erniedrigt, herabgesetzt und demotiviert fühlt und bei denen man kaum etwas anderes als Verachtung empfindet. Können Sie zweifelsfrei behaupten, in Ihrer Organisation gebe es keine Diktatoren, skrupellosen Egomanen, rüpelhaften Widerlinge, Mobber und keine anderen destruktiven Charaktere? Dann dürfen Sie sich in der Gewissheit wiegen, einer kleinen Minderheit anzugehören und über eine Organisation zu verfügen, die weitgehend verschleissfrei funktioniert und darum besser positioniert ist als die Ihrer Konkurrenz. Andernfalls lohnen sich ein paar Gedanken.
Es ist leider eine Tatsache, dass sich in den meisten Unternehmen – und oft in führenden Positionen – Figuren tummeln, um die wir, bestünde eine Wahl, einen grossen Bogen machen und denen wir unter normalen Umständen konsequent aus dem Weg gehen -würden. Wenn sie sich aber in unserem Arbeitsumfeld befinden oder wir sogar in einem Abhängigkeitsverhältnis zu ihnen stehen, haben wir diese Wahl nicht. Wir müssen, wollen wir zum Beispiel einen für unsere Karriere wichtigen Job nicht aufgeben oder arbeitslos werden, mit ihnen leben, uns mit ihnen arrangieren und täglich unter ihnen leiden. Selbst auf die Gefahr hin, früher oder später krank zu werden.
Ein destruktiver Zoo
Diese zweifelhaften Charaktere – oft Egomanen mit einem übersteuerten Selbstbewusstsein (oder vielleicht das Gegenteil davon?) – fallen durch die mannigfaltigsten üblen Eigenschaften auf. Vielen eigen ist ein Mangel an elementarster Kinderstube, respektloses, rüpelhaftes bis aggressives Verhalten gegenüber Kollegen, Untergebenen, Lieferanten und sogar Kunden. Sie buckeln nach oben, treten nach unten und «überzeugen» ihre Vorgesetzten mit vordergründig stolzen Leistungen. Zum Instrumentarium ihres Führungsstils gehören grässliche Wutausbrüche, Drohungen, Schikanen und die Verbreitung von Angst und Verunsicherung. Im persönlichen Umgang überschütten sie andere mit Hohn, Spott und Miesmacherei. Sie kränken Mitarbeiter durch mangelnde Fairness, eiskalte Nichtbeachtung, destruktive Dauerkritik, entwürdigende und herabsetzende Behandlung. Sie missbrauchen ihre Macht, erlauben sich verbale und zuweilen auch sexuelle Übergriffe, nötigen, intrigieren, mobben und hinterlassen eine breite Spur von Opfern. In der Öffentlichkeit fallen sie auf, indem sie Schalterangestellte, Hotel- oder Flugpersonal grundsätzlich heruntermachen und in ihrer menschlichen Würde missachten. Sind sie an der Spitze eines Unternehmens, werden sie mit ihren tyrannischen Zügen zu gefürchteten Despoten. Sie zimmern sich ihre eigene Welt, in der übliche Normen eines anständigen Zusammenlebens keine Gültigkeit mehr haben und in der sie ihre absolute Macht ohne Rücksicht auf Verluste entfalten können.
Ein Problem besteht darin, dass viele Unternehmen und Organisationen gar nicht wahrzunehmen scheinen oder vor allem nicht wahrnehmen wollen, dass sie von Mistsäcken aller Kaliber durchsetzt sind. Und dass sie kaum ernsthaft daran denken, die positiven Kräfte zu mobilisieren und sich der «Fehlzünder» zu entledigen. Vor allem dann nicht, wenn sich die Fieslinge in einer sicheren Machtposition befinden, eventuell sogar Teilhaber sind oder wenn es sich um die besten Verkäufer handelt. Was sich dabei die wenigsten überlegen, ist die Tatsache, dass Widerlinge in der Hierarchie Krebsgeschwüre sind, die sehr rasch Metastasen bilden und einen ganzen Organismus vergiften. Ihr Führungsstil, mit dem andere an die Wand gedrückt werden, reproduziert sich, in ihrem Umfeld allein schon aus Gründen des Selbstschutzes, bringt Klone hervor und schafft damit ein negatives Klima, das die Produktivität untergräbt und sich gegen aussen in Image-Einbussen niederschlägt.
Der richtige Name dafür
Unter welchem Begriff könnte man all diese destruktiven Kotzbrocken zusammenfassen, die ein Klima des Hasses schüren, harmonisch funktionierende Organismen lähmen und hilflosen Opfern oft schwere psychische und physische Schäden zufügen? Einige haben sich für «Idioten» entschieden, was den Sachverhalt nur halbwegs trifft. Amerikaner neigen eher als Europäer zu unzimperlich gradlinigen Bezeichnungen. Der amerikanische Wissenschafter und Autor Robert I. Sutton kam zum Schluss, dass «Assholes» der umfassendste und zugleich treffendste Begriff sei. Als er sogar bei der elitären «Harvard Business Review» damit durchkam, wurde seine Bezeichnung auch auf universitärem Level hoffähig. Er hat sich eingehend mit dem Thema beschäftigt und damit in den USA grosse Aufmerksamkeit erregt.
Durchaus akademisch unterscheidet Sutton zwischen «temporären» und «amtlichen» Arschlöchern. Zur ersten Kategorie zählt er die grundsätzlich gutmütigen Choleriker, die ab und zu, wenn das Fass überläuft, zu Tobsuchtsanfällen tendieren, oder solche, die hin und wieder mit dem falschen Fuss aufstehen, in ärgerlichen Situationen hyperventilieren und das später bereuen. Wer kann ehrlich von sich behaupten, nicht zu dieser Kategorie zu gehören? Ich jedenfalls nicht. Völlig anderen Kalibers sind die, denen Sutton das Etikett «amtlich» umhängt. Für ihn sind das die permanenten bösartigen Despoten, Aufschneider, Intriganten, Mobber und primitiven Mistkerle. Es sind die, bei denen man sich nach einem Gespräch bedrückt, erniedrigt, herabgesetzt und demotiviert fühlt und für die man oft kaum etwas anderes als puren Hass empfindet. In seinem Bestseller «Der Arschloch-Faktor» (Hanser-Verlag, 2007, ISBN-10-3-446-40704-9) leuchtet Robert Sutton die Wirkung der verhaltensgestörten miesen Charaktere in der Wirtschaftswelt aus.
Darwinismus am Arbeitsplatz
Dass es sich nicht um ein an den Haaren herbeigezogenes Scheinproblem handelt, untermauern auch viele Untersuchungen:
- Eine Umfrage in Michigan ergab, dass sich von einer grossen Zahl interviewter Arbeitnehmer 27% schikaniert bis «permanent misshandelt» glauben. «Permanenten Feindseligkeiten» ausgesetzt fühlen sich 36% der Mitarbeiter und Vorgesetzten eines US-Ministeriums.
- In Grossbritannien zeigte eine Studie, dass 30% von 5000 befragten Arbeitnehmern einmal pro Woche oder häufiger von Mobbern belästigt werden. Nahezu 50% gaben an, in den vergangenen fünf Jahren mindestens einmal gemobbt worden zu sein. Auch in Deutschland, Frankreich, Österreich, Finnland und Irland bestätigen Studien eine starke Verbreitung von Mobbing.
- Beim «Third European Survey on Working Conditions 2000» in der EU kam heraus, dass 9% der Arbeitnehmer permanent unter Mobbing und Einschüchterungen leiden.
Ein Grossteil der Handlungen (50–80%), das eine Essenz aus allen Studien, wird von Vorgesetzten gegenüber Untergebenen begangen, etwas weniger unter Gleichgestellten und ein kleiner Teil von Untergebenen gegenüber Vorgesetzten. Vor einigen Jahren machte in der Schweiz ein Fall von sich reden, in dem ein Verwaltungsratspräsident einen CEO erschoss, weil er von diesem bis ins Unerträgliche gemobbt worden war. Interessant ist übrigens, dass grosso modo keine geschlechterspezifischen Unterschiede feststellbar sind. Männer mobben vor allem Männer und Frauen vorwiegend Frauen. Aus europäischen Erhebungen geht allerdings hervor, dass Männer die häufigeren Mobber sind.
Destruktoren am Werk
Ich habe es vorher schon angedeutet, die Leute, die permanent Anstands- und Verhaltensregeln missachten und damit eine Arbeitsatmosphäre vergiften, sind Schädlinge, weil sie nicht nur ihren Opfern Schaden zufügen, sondern auch den von Nebeneffekten Betroffenen und dem gesamten Unternehmen. Bei den unmittelbaren Opfern führt ihr Verhalten zu Burn-out-Syndromen, zur Verminderung ihres Selbstwertes, zu Depressionen, Angstzuständen, Schlafstörungen, Dauermüdigkeit und im Extremfall zu physischen und psychischen Erkrankungen. Dass all das oft auch einen verheerenden Einfluss auf Partnerschaft und Familienleben hat, braucht kaum hervorgehoben zu werden.
Meistens hat der Führungsstil eines Kotzbrockens eine breitflächige Wirkung. Selbst wenn nur einzelne Opfer im Fokus stehen, kommt es immer zu Kollateralschäden. In einem Klima, in dem Angst und Hass herrschen, will sich niemand mehr exponieren. Statt lustvollem Arbeiten, hat die eigene Absicherung höchste Priorität. Wo wilde Wutausbrüche und Abkanzelungen drohen, wird nichts mehr riskiert, trachtet man vor allem darnach, nicht aufzufallen, und vor allem, keine Fehler zu begehen. Ein Chef, der seine Assistentinnen so oft wechselt wie seine Hemden und Mitarbeiter im Hauruckverfahren feuert, dem laufen die Leute auch von sich aus davon. Wo Hingabe und Vertrauen fehlen, sinkt die Arbeitsplatzzufriedenheit, was zum Beispiel – auch dazu gibt es Untersuchungen – grössere Absenzraten aus «Krankheitsgründen» zur Folge hat. Kein Wunder, wird nämlich ein Mitarbeiter in seiner Tätigkeit nicht ernst genommen und missachtet, ist er auch nicht bereit, sich überdurchschnittlich einzusetzen. Im Gegenteil. Wer sich dauernd ausgetrickst fühlt, bei dem keimen auch Rachegefühle. Man nützt – und das völlig zu Recht – auf subversive Weise jede Möglichkeit, sich schadlos zu halten. Zum Beispiel mit kleinen Diebstählen. In Betrieben, in denen ein schlechtes Klima herrscht, auch das zeigen Erhebungen, ist die Diebstahlrate weit höher als in anderen, wo eine intakte Arbeitsatmosphäre besteht.
Man rechne mal!
Die Summe dieser Faktoren wirkt sich negativ auf die Leistungsfähigkeit und Produktivität einer Organisation aus. Ein schlechtes Klima drückt auch auf die Gesamtperformance eines Unternehmens, macht Investoren hellhörig und führt zu Imageverlusten. Für all dies, was mit einer anständigen Führung nicht passieren würde, sind die Idioten verantwortlich, denen das System oft durch alle Böden die Stange hält. Verantwortlich sind sie ausserdem für die horrenden Aufwendungen, die durch die ständigen Personalwechsel verursacht werden: Abgangsentschädigungen, arbeitsrechtliche Streitfälle, unproduktiv verbrannte Arbeitszeit, Know-how-Verluste, abgesprungene Kunden, Kosten für die Anwerbung, Einstellung und Einführung immer wieder neuen Personals.
Aufsichtsräte und Konzernleitungen, die sich oft weit abseits der Widrigkeiten des unternehmerischen Tagesgeschehens bewegen und, solange die Zahlen stimmen, gegenüber charakterlichen «Fehlzündern» meist auf noble Art die Augen verschliessen, täten gut daran, ab und zu mal ein paar unübliche Zahlenspiele zu machen. Man rechne zum Beispiel mal nüchtern und ehrlich alle vorher genannten Kosten des als menschenverachtender Mobber eingekreisten vermeintlichen Verkaufsgenies gegen dessen fantastische Umsätze auf. Seine Performance wird dann mit Sicherheit nicht mehr so beeindruckend aussehen! Man käme vielleicht rasch zur Einsicht, dass dieser destruktive Charakter besser schon heute als morgen entlassen werden müsste.
Kotzbrocken haben ausgedient
Richard Branson machte es sich zum Sport, Kandidaten für seine TV-Show «The Rebel Billionaire» verkleidet als betagter arthritischer Chauffeur am Flughafen abzuholen. Solche, die ihn im Glauben, er sei ein bedeutungsloses menschliches Wesen, unfein behandelten, fielen gleich aus der Show. Die Art und Weise, wie eine höhergestellte Person eine rangniedrigere behandelt, sagt sehr viel über ihren Charakter aus. Auch die Art, wie man mit Menschen im Dienstleistungsbereich umgeht. Eine Schweizer Flugbegleiterin, die kürzlich nach über drei Jahrzehnten in ihrem Beruf in Pension ging, erzählte mir, wie radikal sich das Verhalten der Passagiere in den letzten Jahren verändert habe. Vor allem bei Geschäftsleuten in der Businessklasse stelle man einen alarmierenden Rückgang des guten Benehmens fest. Arroganz, ungehobelte Manieren und aggressives Verhalten kennzeichneten einen Grossteil dieser Kunden. Sie erwiderten nicht einmal einen Gruss, Worte wie «bitte» oder «danke» seien ihnen nicht mehr geläufig, Sicherheitsanweisungen, glaubten sie, würden ohnehin nicht für sie gelten. Hemmungslos verstreuten sie ihren Unrat am Boden, wissend, dass jemand ihn für sie einsammeln würde. Verspäte sich ein Flug zum Beispiel wegen eines Schneesturmes oder wegen einer gesperrten Piste, würden die Flugbegleiter brutal zur Schnecke gemacht, so, als wären diese verantwortlich für eine meteorologische Ausnahmesituation. Am Schluss habe sie die Nase voll gehabt, täglich einen nach ihrem Verständnis guten Job zu leisten, aber von diesen egozentrischen Primitivlingen nichts als Verachtung zu spüren oder zum willkürlich ausgewählten Opfer ihrer Frustrationen zu werden.
Zwei amerikanische Airlines, Southwest und JetBlue, haben einen menschlich einwandfreien Umgang miteinander zum integralen Bestandteil ihrer Firmenkultur erhoben. Ein Pilot, der sich bewerben wollte, aber schon die Empfangsdame herablassend behandelt hatte, konnte gleich wieder den Hut nehmen. Hier herrscht Nulltoleranz bei «kultureller Nichtanpassungsfähigkeit». Eine negative Einstellung gegenüber Kollegen, Kunden und Unternehmen ist der häufigste leistungsbezogene Kündigungsgrund. Die Prinzipien gelten sowohl intern als auch extern. Fluggäste, die wiederholt durch schlechtes Benehmen auffallen, kommen auf eine schwarze Liste und werden im Buchungssystem gesperrt. Die Mitarbeiter, die das Beste zu leisten suchen, verdienten es nicht, durch Kotzbrocken schlecht behandelt zu werden, lautet das Credo. Diese konsequente Politik hatte frappante positive Auswirkungen auf die Loyalität der Arbeitnehmer, die Performance und das Image der Airlines.
Charakter als Teil der Beurteilung
Soll man die üblen Schädlinge, die an der Gesundheit von Mitmenschen unserer Unternehmen nagen, den guten Geist zersetzen und damit die Leistungen schwächen, als «halt schwierige Charaktere» tolerieren oder ausmerzen? Robert I. Sutton, der die Dinge mit seinem «Arschloch-Faktor» radikal beim Namen nennt, kennt hier keine Gnade, weil sie zu viel Schaden anrichten. Er setzt sich für Regeln ein, für einen Verhaltenskodex, der Bestandteil der Kernwerte ist: «In Organisationen, welche die ‹Anti-Arschloch-Regel› am nachdrücklichsten und wirksamsten durchsetzen, werden Mitarbeiter-Performance und Mitarbeiter-Verhalten nicht als zwei getrennte Dinge betrachtet. Die Botschaft muss lauten: Wer sich nicht korrekt verhält, muss sich ändern oder seine Sachen packen.»
Auch wenn man dabei vielleicht einige Schatten überspringen muss, geht es also darum, die Vorteile eines respektvollen Umganges miteinander zu erkennen. Wenn ein Unternehmen dieses Prinzip akzeptiert und verinnerlicht, muss es überall gelebt werden und spürbar sein. So wie bei Southwest Airlines muss die Botschaft durchdringen, dass man mit Leuten, die sich schlecht benehmen, nichts zu tun haben will. Auch die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft Plante and Moran, eine der besten Arbeitgeberinnen der USA, verfolgt das Ziel einer «idiotenfreien Belegschaft» und hat dafür goldene Regeln aufgestellt. Ähnlich verhält sich die Investmentbank Barclays Capital.
Eine Arbeitswelt ohne Menschenschinder und widerliche Egomanen entsteht nur dort, wo schon bei der Rekrutierung neuer Kräfte – vor allem bei Managern – den charakterlichen Voraussetzungen ebenso grosses Gewicht beigemessen wird wie den fachlichen und wo Fragen des zwischenmenschlichen Umganges auch ständiges Schulungs- und Beurteilungsthema bleiben. Robert Sutton warnt aber davor, sich leichtfertig hehre Prinzipien auf die Fahnen zu schreiben, diesen aber dann nicht nachzuleben. Fehlende Kongruenz von Worten und Taten: Die kann auch hier zum Verhängnis werden!
Der Autor
Mac J. Rohrbach ist verantwortlicher Leiter für internationale Management Education bei der Management School St.Gallen. Die Beratung in Strategieentwicklung und Finanzmanagement gehört zu seinen Schwerpunkten. Seine vielfältige Erfahrung basiert auf einer langjährigen Beratungs- und Schulungsaktivität für international tätige Unternehmen und Organisationen. Aktuelles Wissen zu vermitteln, erfolgreiche Erfahrungen weiterzugeben und Managementlaufbahnen zu fördern, erfüllt ihn mit besonderer Leidenschaft.