360 Grad Feedback und Mitarbeiterbefragung

 

Denkanstöße

Dr. René Marchand

Persönliche Werte: Triebkraft des Erfolges

Es sind einzelne Menschen, die den Anstoss zu Wandel, Innovation und Erfolg geben. Viel wird dabei vom Ego bestimmt. Daran ist überhaupt nichts Negatives! Persönliche Werte sind das zentrale Element für alles, was für uns im Leben zählt. Sie sind die verlässlichen Funkfeuer. Gleichzeitig auch lebenslange Antriebskräfte. An ihnen können wir wachsen. Über sie führt auch der Weg zur authentischen und glaubwürdigen Führungspersönlichkeit. Weshalb das so ist, ergründen wir in diesem Beitrag.
Ein gutes Rezept macht noch keinen guten Koch aus. Auch wenn wir wissen, was es braucht, um erfolgreich zu sein, genügt das noch nicht, um auch wirklich Erfolg zu haben. Das Wissen allein, dass wir weniger essen müssten, um die lästigen Pfunde loszuwerden, ist per se noch keine Hilfe. Es gibt zahllose Diäten, die – wenn richtig eingehalten – dazu verhelfen können, das Gewicht zu verringern. Die Krux ist, dass wir dabei sehr gerne schummeln.
Auch wenn uns bewusst ist, was einen guten Leader auszeichnet, macht uns das noch nicht automatisch zu einem solchen. Wollen wir anhaltenden Erfolg und unsere Ziele erreichen, müssen wir zuerst herausfinden, wo sich der fehlende Link zwischen unserem Wissen und unserem tatsächlichen Tun befindet. Dies ist der zu belebende Leerraum. Hier kommen unsere persönlichen und sehr individuellen Werte ins Spiel. In diesen schlummert die Kraft, um unser Wissen in Taten zu verwandeln. Vorausgesetzt natürlich, dass wir unsere ganz persönlichen Werte überhaupt kennen und im Alltag abrufen.
Am Anfang steht die Selbstreflexion
Ein Erfolgsrezept funktioniert nie, wenn es nicht in unser eigenes Wertesystem eingebettet ist. Aus diesem Grunde lassen sich Erfolgsrezepte nicht kopieren, auch wenn das die amerikanische Geschäftsliteratur suggeriert. Wer sein höchstes Ziel erreichen will, tut deshalb gut daran, bei den eigenen Werten zu beginnen und diese zu nützen, um sein eigenes, persönliches Erfolgsrezept zu schaffen. Der Weg zu unseren Werten führt über die strukturierte Selbstreflexion. Dies deshalb, weil – anders als bei vielen -populären Methoden – die grösste Antriebskraft nicht kollektiven, sondern den individuellen Werten innewohnt. Es ist ein persönlicher Weg zur Selbsterkennung, der nirgends bloss abgekupfert werden kann.
Zwar haben schon viele Revolutionen gezeigt, dass kollektive, also gemeinsam geteilte Werte gewaltige Energien zu mobilisieren und freizusetzen vermögen. Man denke an die drei Parolen der Französischen Revolution! Trotzdem haben die Massen keine hervorstechende Bedeutung mehr im heutigen Berufsleben. Viel mehr sind es einzelne Menschen und Team-Mitglieder auf allen hierarchischen Ebenen, die mit ihrer Kreativität, ihrer Energie und Kompetenz den Anstoss zum Wandel, zur Innovation und zum Erfolg geben. Der Wille, Ausserordentliches zu leisten, entwächst einem inneren Drang, zu gestalten, Position zu beziehen und Verantwortung zu übernehmen. Ein Leader ist darum immer ein Individuum mit eigenen Ecken und Kanten und nicht Teil einer uniformen Masse.
Die persönlichen Werte entdecken
Wenn wir uns auf die Suche begeben, um die in uns schlummernden persönlichen Werte zu entdecken, ist es wichtig, dass wir uns im Klaren darüber sind, was uns am meisten bedeutet: unsere persönlichen Prioritäten, nicht die unseres Arbeitgebers oder die unserer Familie. Die meisten Menschen setzen folgende Prioritäten:
  1. das eigene Ich
  2. das persönliche Beziehungsnetz
  3. die Arbeit
Was zuallererst Bedeutung verliert, wenn unsere Lebenserwartung sinkt – eine verkürzte persönliche Lebensspanne als Szenario zum Setzen von Prioritäten –, ist die Arbeit. Wer die Hiobsbotschaft bekommt, dass ihm nur noch ein Monat gegeben sei, denkt kaum mehr daran, nochmals ins Büro zu gehen. Angesichts des Todes-urteils haben wir weit wichtigere Dinge zu tun, als zu arbeiten. Mehr Bedeutung in dieser Situation bekommen die uns -nahestehenden Menschen, unsere Familie. Erst wenn ihnen nur noch ein Tag gegeben ist, ziehen es viele Menschen vor, mit sich allein oder zusammen mit einer einzigen extrem wichtigen Person zu sein, um sich auf die nahende Stunde des Todes vorbereiten zu können.
«Das beste Rohmaterial bist du!»
Dieses Denkbeispiel macht deutlich, dass unsere grösste Aufgabe darin besteht, Verantwortung für unser Leben zu übernehmen und in uns schlummernde Talente und Kräfte zu mobilisieren. Oder um ein Bonmot zu benützen: «Das beste Rohmaterial, das dir zu Verfügung steht, um Erfolg zu erzeugen, bist du!» Dies ist der Grund, warum das «Ich» höchste Priorität hat. Der einzige Weg, um die Qualität des Umfeldes zu verbessern, führt über uns. Wenn wir uns selber als Persönlichkeit entwickelt haben, wissen, welche Fixpunkte im Leben tatsächlich massgebend bleiben, sind wir auch fähig, gute zwischenmenschliche Beziehungen aufzubauen, auch bei der Arbeit gute Leistungen zu erbringen und ein verlässliches Teammitglied zu sein. Das wirkt natürlich auch umgekehrt: Unser persönliches Umfeld ebenso wie die Arbeit kann wesentlich zur eigenen Persönlichkeitsförderung beitragen. Deshalb ist es wichtig, die Entwicklung aller drei Beziehungsebenen auf bestmögliche Weise zu pflegen und zu verbinden.
Welche Werte würden Sie den drei Lebensbereichen – dem eigenen Ich, dem persönlichen Beziehungsnetz und der Arbeit – zuordnen? Welches sind die allerwichtigsten Grundprinzipien, die Sie für sich selbst in Anspruch nehmen? Sind zum Beispiel Verantwortung, Gesundheit oder Weisheit sehr wichtige Werte für das eigene Ich? Oder ziehen Sie andere Werte vor? Welche Werte spielen aus Ihrer Sicht die grösste Rolle zum Knüpfen «guter Beziehungen»: Respekt, Ehrlichkeit, Liebe – oder gibt es sonst noch etwas? Erheben Sie diese Ansprüche auch an sich selbst? Und schliesslich: Welche Werte verhelfen Ihnen zu einem guten Gefühl, ja sogar zu persönlicher Befriedigung in der Arbeit? Wäre es Freiheit, Macht, Kompetenz oder etwas anderes?
Persönliche Werte sind der Schlüssel zu allem, was für uns im Leben zählt. Sinn, Standpunkte, Wegleitung, Orientierung folgen den persönlichen Werteinhalten. Wer sein Leben in Übereinstimmung mit seinen Werten bringt, hat einen idealen Weg gefunden, um seine Persönlichkeit, seinen Stil zu finden und zu entwickeln. Das ist zugleich die bestmögliche Basis für Freude, Zufriedenheit und innere Motivation – als Vorbeugung gegen die vielerorts erwähnten Managerkrankheiten Depression, Erschöpfung oder gar Burn-out. Oder gegen das in Managerkreisen tabuisierte Gefühl der Angst: Angst, leistungsmässig nicht mehr zu genügen, Angst, die Orientierung zu verlieren, Angst, bedeutungslos zu werden.
Persönliche Werte – der innere Kompass
Während einer Zeit des Umbruches – am häufigsten beim Wechsel organisatorischer Werte –, in Momenten der Instabilität oder wenn sich Ereignisse überschlagen, ist es für die meisten von uns sehr schwer, als Einzelpersonen unseren Weg durch das Dickicht unserer Welt zu finden. Bisherige Referenzpunkte, die sich zunehmend in Luft auflösen, sind keine Hilfe mehr. Wenn wir nicht in der Lage sind, uns rasch zu reorientieren, besteht die Gefahr, dass wir von den Ereignissen überholt werden und uns die Kontrolle entgleitet. Oder dass es uns im verzweifelten Versuch, den Anschluss nicht zu verpassen, nur noch gelingt, auf neue Situationen zu reagieren und nicht mehr Schritt mit der Entwicklung zu halten. So etwas zehrt an unserer Energie und lässt uns oft mit dem Gefühl physischer und mentaler Erschöpfung zurück.
All das lässt sich vermeiden, wenn wir uns aktiv und mit einer positiven Einstellung nach vorne richten und versuchen, den Entwicklungen geistig voraus zu sein. Sind wir einem Wechsel geistig voraus, haben wir kein Problem damit, unseren Gleichschritt mit den uns beeinflussenden Entwicklungen zu finden. Diese mentale Projektion läuft parallel zur Zeitachse unserer eigenen Zukunft. Wir müssen Referenzpunkte bestimmen, die uns wie Leuchtfeuer durch unser ganzes Leben leiten. Unsere persönlichen Werte helfen uns hier als Kompass, um uns aus dem Dickicht der beschriebenen Unsicherheiten zu befreien und uns stressfrei in die Zukunft zu bewegen. Sinn, Ziele, Prioritäten und konkrete Aktivitäten für unsere eigene Entwicklung in einem dynamischen Umfeld lassen sich aus unseren persönlichen Werten schöpfen. Mit anderen Worten: Wenn wir diese einsetzen, zapfen wir die nötige Energie an, die wir brauchen, um unsere Ziele zu erreichen. Damit werden wir auch unabhängig von anderen Motivatoren.
Mit Zielen zur Selbstmotivation
Es gibt zwei wichtige Aspekte zum Begriff «Motivation»: Der erste leitet sich aus «Motiv» ab, d.h. aus der Antriebskraft, dem Zweck. Der zweite gründet im lateinischen Wort «movere» oder auf Deutsch «bewegen». Dieses beschreibt am besten, worum es geht: sich vom jetzigen Punkt zu einem nächsten zu begeben.
Wir haben viele Antriebskräfte in uns, doch verwandeln sich diese nur in Motivation, wenn wir sie auf ein Ziel oder Fixpunkte ausrichten. Es ist deshalb wichtig, eine Liste mit all unseren Zielen zu erstellen, mit deren Hilfe wir dann unsere innere Motivation entwickeln können. Persönliche Ziele sind der erste sichtbare Teil unserer persönlichen Werte. Sie führen zum Setzen von Prioritäten und steuern unser Verhalten. Somit stehen die Werte am Beginn und das tatsächliche Verhalten am Ende einer «Wirkungskette». Entlang dieser Kette verläuft unsere innere Selbstmotivation, mit ihrer Quelle beim entsprechenden Wert.
Wirkungskette: Weg der Selbstmotivation
Wert · Ziel · Priorität · Verhalten
Die meisten Leadership-Trainings fokussieren auf das falsche Ende der Wirkungskette. Sie sind darauf angelegt, das Verhalten zu beeinflussen, sei es als Supervisor, als Teamchef oder als Champion. Das Verhalten ist jedoch nur ein Produkt und ein Resultat von Prioritäten. Sie sind das letzte und sichtbare Glied der Kette. Die Prioritäten werden in Übereinstimmung mit individuellen Zielen gesetzt, die ihre Wurzeln wiederum in persönlichen Werten haben. Einige Autoren benützen die Begriffe «Vision» oder «Prinzip» für diesen Ausgangspunkt in der Wirkungskette. Wir sehen somit, dass diese Kette in beiden Richtungen spielt.
Persönlichkeit dank Glaubwürdigkeit
Eine natürliche Leadership besteht dort, wo Glaubwürdigkeit spürbar ist und von den Mitarbeitern auch wahrgenommen wird. Glaubwürdigkeit ist ein Produkt der Berechenbarkeit, der Kongruenz von Worten und Taten. Anders ausgedrückt: Sie entsteht dann, wenn das Verhalten (Taten) mit den vermittelten Werten (Worte) übereinstimmt.
Dies hat sehr viel mit der eigenen Gesundheit und Entwicklung zu tun. Seit C.G.Jung wissen wir, dass sich der Prozess unserer positiven Persönlichkeitsentwicklung Hand in Hand mit der Arbeit an und mit unseren Werten vollzieht. Und, nebenbei gesagt, auch mit unseren Schattenwerten.
Wert der Werte: auch bei Organisationen
Diese Erkenntnisse haben ihre Gültigkeit nicht nur für Menschen. Auch Organisationen haben ihre Wirkungskette. Auch sie verfügen über ein gewisses Verhalten: gegenüber Kunden und Mitarbeitern, auf den Märkten und in der Gesellschaft. Dieses Verhalten wird bestimmt von organisatorischen Prioritäten, die sich ihrerseits aus Firmenzielen ableiten: Jahresbudgets, Drei- oder Fünfjahrespläne und Strategien. Am Anfang der Kette stehen dann Leitbild, Unternehmensphilosophie oder Visionen – dort sind die Werte der Organisation mindestens aufgeführt.
Leider hat die Realität gezeigt, dass nur eine kleine Minderheit von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit den Werten eines Unternehmens vertraut ist, ihnen Bedeutung zumisst oder sie sogar als Hilfen in ihrer täglichen Arbeit nützt. Um diesen unbefriedigenden Zustand zu verändern, gibt es einen Schlüssel: Die Mitarbeiter müssen zuerst persönlich die Kraft ihrer eigenen Werte erkennen, um auch die Bedeutung der Werte des Unternehmens verstehen zu können. Wenn dieser Schritt vollzogen ist, werden sie zu starken Kräften, um die Werte der Organisation in erfolgreiches Verhalten umzusetzen. Gelebte Werte dienen dann dazu, eine Organisation zu differenzieren, unaustauschbarer zu machen. Wie sie dies auch bei Menschen tun.

Der Autor

Dr. oec. HSG René Marchand hat an der Universität St.Gallen über das Thema der menschlichen Werte in der Unternehmensführung dissertiert, in eigenen Unternehmen den Werteansatz mit den Mitarbeitenden umgesetzt und begleitet seit 15 Jahren Unternehmen rund um den Globus erfolgreich in seinem Schwerpunkt: der glaubwürdigen Führung. Von 1979 bis 1984 betätigte sich René Marchand als Projektleiter und Organisationsberater eines grossen EDV-Unternehmens. Zwischen 1985 und 1992 baute er im Ausland eine Unternehmensgruppe im IT-Bereich auf. Anschliessend beschäftigte sich René Marchand beruflich mit unserer wichtigsten Ressource: der Zeit. Heute besitzt er eine Firma, die eine völlige neue Dienstleistung am Markt erbringt, und ist damit in fünf Ländern Europas im Markt verankert. Seit 1992 hat René Marchand ergänzende Studien in Soziologie und Psychologie durchgeführt. Er gehört zu den führenden Köpfen der Management School St.Gallen, wo er sich im Führungscoaching engagiert und verantwortlich zeichnet für die Entwicklung von internationaler Management Education, die sich durch ihre Multikulturalität auszeichnet.