Denkanstöße
Pater Anselm Grün
Wertschöpfung durch Wertschätzung
Es freut mich, dass sich die Firma Profi GmbH* intensiv mit den Werten auseinander setzt. Sie geht dabei einen richtigen Weg. Denn ich bin überzeugt: Werte machen das Leben wertvoll. Werte machen auch eine Firma und eine Organisation wertvoll. Ohne Werte wird das Miteinander wertlos. Die Missachtung der Werte hat immer mit Selbstverachtung und Menschenverachtung zu tun. Die Selbstverachtung führt dazu, dass auch das Miteinander einer Firma wertlos wird. Und auf Dauer wird auch das finanzielle Ergebnis an Wert verlieren. Denn in einer Firma, in der man sich nicht wertgeschätzt fühlt, hat man auch wenig Lust, an der Schaffung der finanziellen Werte mitzuwirken.
Umgekehrt gilt: Wenn die finanziellen Werte in das Zentrum gestellt werden, ist das immer Ausdruck der Verachtung der Würde des Menschen. Manche meinen, erst wenn die finanziellen Werte stimmen, könnten wir es uns leisten, die ethischen Werte zu beachten. Doch das ist für mich ein Fehlschluss. Eine schwäbische Firma hat mich einmal eingeladen, einen Vortrag zum Thema „Wertschöpfung durch Wertschätzung“ zu halten. Sie war davon überzeugt, dass das Schätzen ethischer Werte langfristig auch zur finanziellen Wertschöpfung beiträgt. Eine Missachtung der Werte mag kurzfristige Erfolge erzielen. Langfristig jedoch schadet sie auch den finanziellen Werten. Wenn finanzielle Werte absolut gesetzt werden, dann führt das langfristig in eine Sackgasse. Die Verachtung des Menschen gebiert die Selbstverachtung. Die Selbstverachtung erzeugt zahlreiche Krankheiten, angefangen von Angstattacken über die Depression hin zur Anfälligkeit für Infekte. Und die Menschenverachtung macht ein menschliches Miteinander unmöglich.
Im Lateinischen heißen die Werte „virtutes“. Es sind Kraftquellen, aus denen wir schöpfen können und die unserer Arbeit Kraft verleihen. Das englische Wort für Werte „value“ kommt vom lateinischen Wort „valere“, das nicht nur stark sein, sondern auch gesund sein bedeutet. Werte führen zur Gesundheit des Menschen und zu gesundem Klima in einer Gemeinschaft. Werte sind ein entscheidender Beitrag zur Gesundung des Menschen. Wer in seinem Wert geachtet wird, der entwickelt in sich auch Abwehrkräfte, der kommt mit seinen eigenen Selbstheilungskräften in Berührung. Nicht das ständige Schielen auf die Finanzen, sondern das Achten der Werte schafft eine heilsame Atmosphäre. Und diese heilsame Atmosphäre wird sich dann letztlich auch finanziell positiv auswirken. Ich erlebe heute, dass das ständige Controlling auf Misstrauen beruht. Und mit Misstrauen säe ich nur Misstrauen, aber keine Atmosphäre, in der man Lust hat, neue Ideen zu entwickeln.
Führen mit Werten kann nur, wer für sich selbst Werte beachtet und wer sich selber wertschätzt. Wer seinen eigenen Wert nicht spürt, der muss andere entwerten, um sich selbst aufwerten zu können. Jesus hat im Lukasevangelium einen wichtigen Satz zum Thema Führen mit Werten gesagt: „Die Könige unterdrücken ihre Völker, und die Mächtigen lassen sich Wohltäter nennen. Bei euch aber soll es nicht so sein, sondern der Größte unter euch soll werden wie der Kleinste, und der Führende soll werden wie der Diener.“ (Lk 22,25f) Jesus kritisiert zwei negative Weisen von Führung. Die erste Weise: Ich muss andere klein machen, um an meine Größe glauben zu können. Doch wenn ich andere klein machen muss, um an meine Größe glauben zu können, kreise ich letztlich immer nur um mich und meine Größe. Ich bin nicht offen für die Sache oder für die Menschen, die ich führe. Und von Kleingemachten kann ich keine große Leistung erwarten. Die zweite Weise: Ich brauche meine Führungsposition, um überall anerkannt zu sein. Albert Görres, ein Münchner Psychiater, sagt einmal: „Es gibt Abteilungsleiter, die sammeln um sich herum lauter Bewunderungszwerge.“ Von Bewunderungszwergen kann man auch keine gute Leistung erhoffen. Es gibt Menschen, die nur um sich und ihr Image kreisen. Ich möchte ein Beispiel erzählen: Ich habe einen Besinnungstag in einer psychosomatischen Klinik gehalten, für die Therapeuten und Ärzte. Der Klinikleiter, der diese Klinik gegründet hat, machte auch mit. Es war eine große Leistung von ihm, diese Klinik zu gründen. Doch er hatte narzisstische Züge an sich und brauchte die Klinik auch, um in der Öffentlichkeit gut dazustehen. Die Klienten hatten das schnell erkannt. Sie sagten zu ihm: „Du gehörst eigentlich zu uns.“ Dieser Klinikleiter musste jeden Therapeuten oder Arzt, der gut war, entlassen, weil er Angst hatte, er könnte ihm ein Stück des Beliebtheitskuchens wegessen. Wenn ich jeden guten Mitarbeiter aus Angst, er könnte beliebter sein als ich, entlassen muss, dann vergeude ich viel Potential. Psychologen meinen, in Firmen werde 30 bis 40% des Potentials durch solche unreifen Spiele vergeudet. Bevor man also den Mitarbeitern immer noch mehr auflädt, sollte man zuerst einmal das Potential einsparen, dass durch Missachtung der Werte und durch unreife Rivalitätskämpfe oder durch Neid und Eifersucht vergeudet wird. Wenn man die Kennziffern in einer Firma absolut setzt und jeden Handgriff protokollieren will, entspricht das immer einem tiefen Misstrauen in die Werthaftigkeit des Menschen. Und es vergeudet letztlich Energie. Statt Leben und Gesundheit zu wecken, verhindere ich sie.
Gegenüber diesen negativen Weisen des Führens setzt Jesus auf die Idee des Dienens. Im Lateinischen heißt der Diener „servus“. Er ist eigentlich der Läufer, der zwischen Schlachtreihe und Feldherrn hin und her läuft und dafür sorgt, dass die Informationen gut laufen. Führen heißt also: die Informationen fließen lassen. Wenn alle Mitarbeiter gut informiert sind, ist das auch ein Ausdruck von Wertschätzung. Der griechische Ausdruck heißt Diakonos. Das meint den Tischdiener. Wenn Sie in einer guten Gaststätte bedient werden, dann möchte der Kellner oder die Kellnerin, dass Ihnen das Essen schmeckt, dass Sie es genießen können. Das ist für mich ein Bild für Führung geworden: Führen heißt, das Leben in den Mitarbeitern wecken, dem Leben dienen, Leben hervorlocken. Das tut den Mitarbeitern gut. Sie leben auf. Und es tut letztlich auch der Organisation gut. Ich beute dann die Mitarbeiter nicht aus, sondern ich diene ihnen und ihrer Lebendigkeit. Doch wie geht das: Leben wecken in den Mitarbeitern? Ich muss mich immer wieder einmal zurücklehnen und die einzelnen Mitarbeiter betrachten: Wie finde ich den Schlüssel zu diesem oder jenen Mitarbeiter? Warum klemmt es bei dem? Was möchte in ihm zum Fließen kommen? Statt gegen seine Schwächen zu kämpfen, soll ich Phantasie entwickeln, wie ich in ihm das Leben hervorlocken kann.
Die christliche Tradition hat seit jeher die vier Grundwerte, die die griechische Philosophie beschrieben hat, hochgeschätzt: Gerechtigkeit, Tapferkeit, Maß und Klugheit. Diese Werte, die für ein gedeihliches Miteinander notwendig sind, hat sie jedoch durch die christlichen Werte ergänzt: Glaube, Hoffnung und Liebe. Wer andere führen will, muss an sie glauben. Er muss an seine Würde glauben und an den guten Kern in ihm. Durch den Glauben weckt er das Gute im andern. Ohne Hoffnung kann man nicht führen. Ich hoffe immer auf eine Person und für sie. Ich hoffe auf das, was ich noch nicht sehe, was sich aber entwickeln kann. Und Liebe ist die tiefste Bedingung für ein gutes Miteinander. Wenn in einer Sitzung jeder voller Abneigung gegen den andern ist, kann auch nichts Sinnvolles herauskommen. Das Wohlwollen ist die Voraussetzung, dass man Lust hat, miteinander etwas zu schaffen.
So wünsche ich der Firma Profi GmbH, dass die Besinnung auf die Werte das Unternehmen wertvoll macht, so wie es Jahrzehntelang war, als man stolz sagen konnte: „Ich schaffe bei Profi GmbH.“
Dieser Vortrag wurde 2007 vor Vertretern und Gästen einer namhaften deutschen Firma gehalten durch Pater Anselm Grün.
*Firmenname „Profi GmbH“ durch die Redaktion geändert bzw. frei erfunden.
Der Autor
Pater Anselm Grün hat Philosophie, Theologie und Betriebswirtschaft studiert. 1974 promovierte er zum Doktor der Theologie. Seit 1977 ist er als Cellerar der Abtei Münsterschwarzach verantwortlich für die wirtschaftliche Leitung der Abtei mit ihren insgesamt 20 Betrieben und der Missionsarbeit. Daneben ist er bekannt als erfolgreicher Schriftsteller mit über 200 Büchern und gefragter Referent.